Immanuelkirche Reichenbach / Friedenskirche Mylau

   
 






Wort zum Monatsspruch

Wer bemerkt seine eigenen Fehler? Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewusst ist! (Psalm 19,13)

Beim ersten Lesen des Monatsspruches kamen mir Bilder nachmittäglicher Talkshows vor das innere Auge, bei denen Menschen frank und frei ihre - zum Teil - unappetitlichen Verfehlungen bekennen, um dann zum Schluss alle anderen - die Kindheit, die Gesellschaft - dafür verantwortlich zu machen. Ihr Gewissen ist rein. Der zweite Gedanke geht schon etwas tiefer: Wir alle leben in derart komplexen Strukturen, dass wir nicht immer alle Folgen unseres Handelns vor Augen haben. Nur ein Beispiel: Auch der mit fairen Mitteln erarbeitete wirtschaftliche Erfolg kann wo ganz anders zum Verlust von Arbeitsplätzen führen. Ich kann nicht immer alle Zusammenhänge überschauen. Doch ich glaube, dass der Monatsspruch mehr meint: Dass ich mir nicht die eigene Größe, sondern die eigene Bedürftigkeit vor Augen stelle. Dass ich Gott nicht das Gelungene, sondern das Misslungene anbiete. Dass ich die eigene Kleinheit annehme und Gottes Größe gebe, was ihr gebührt: die Bitte "Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewusst ist!" Gott weiß um meine Schwächen und Verstrickungen, doch seine Gnade - so hoffe ich - ist größer. Größer als alles, was ich erhoffen durfte, reicher als alles, was mir zustehen würde, überschwänglicher als alles, was mir begegnet ist. Ich kann mich nicht selbst von Schuld freisprechen, doch Gott kann mein "Buch der Verfehlungen" leeren. Auf seine Vergebung darf ich hoffen.

Michael Tillmann

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