Immanuelkirche Reichenbach / Friedenskirche Mylau

   
 






Denn euch ist heute der Heiland geboren...

Es war vor einigen Jahren, da besuchte ich in der Adventszeit eine alte Frau aus unserer Gemeinde im Pflegeheim. Ich fragte sie, ob sie sich auf Weihnachten freue.
Sie antwortete: "Ja, denn da ist mir ja der Heiland geboren. Aber diese Freude war viele Jahre meines Lebens verdeckt."
Auf die Frage nach der Ursache der vielen freudlosen Weihnachtsfeste erzählte sie mir aus ihrem Leben:

Im Jahr 1916 ist zum Heiligabend ihre Mutter gestorben, genauer gesagt: verhungert. Ihr Vater war im Krieg und wollte zu Weihnachten nach Hause kommen. Das Telegramm mit der Todesnachricht hatte ihn aber nicht mehr erreicht. Als er zu Hause ankam, fand er die Kinder allein mit der eilig herbei geholten Tante vor und musste am ersten Feiertag seine Frau zu Grabe tragen. Dieses Weihnachten war so traurig, erzählte mir die alte Frau, dass ihr dieses Erlebnis zeitlebens in Erinnerung blieb und das Fest überschattete.
Sie sagte: "Ich bin dadurch viele Jahre hart und für andere unnahbar geworden. Erst jetzt im Pflegeheim kommt mir dies alles nochmals richtig zu Bewusstsein, aber ich habe jetzt Frieden darüber. Auch für meine Not ist ja Gott zur Welt gekommen."
Und dann fügte sie hinzu: "Stellen sie sich vor, Herr Pastor, Gott hat mir hier im Heim eine Gabe gegeben. Sagen Sie mir doch bitte, ob das wirklich eine Gabe Gottes ist!"
Ihr sei auf einmal aufgefallen, dass einige Heimbewohner aufgrund ihrer starken körperlichen und geistigen Gebrechen sehr einsam und allein sind. Da habe sie die Gabe empfangen, diesen Menschen im Speisesaal oder bei anderen Gelegenheiten die Hand zu drücken und sie zu umarmen. Das sei ihr körperlich noch möglich und ich solle doch bestätigen, ob das auch eine Gabe Gottes sein könnte. Ich war vorerst etwas verdutzt, aber dann doch beeindruckt. Denn Gott hatte offenbar die Unnahbarkeit und Härte dieser Frau aufgebrochen, die Verletzungen der Vergangenheit geheilt, und sie noch offen für die Zuwendung gegenüber ihren Mitmenschen gemacht. Und so pflichtete ich ihr bei: "Einen Menschen zu umarmen kann wirklich eine Gabe Gottes sein."

Inzwischen ist diese Frau hochbetagt gestorben, aber unser Gespräch damals habe ich nie vergessen können. Was sie mir erzählte, hatte mich tief berührt und mir zugleich etwas von der verändernden Liebe Gottes offenbart. Die frohe Kunde des Engels in der Weihnachtsgeschichte: "Denn euch ist heute der Heiland geboren..." (Lk.2,11) wurde in wunderbarer Weise Gegenwart.
Ob uns die Weihnachtsbotschaft vom menschgewordenen Gott in diesem Jahr ebenso heilt von den Wunden der Vergangenheit? Wird sie uns verwandeln und freimachen von allen Verhärtungen des Lebens? Vermag sie uns freizusetzen, damit wir unsere Nächsten umarmen können: die Einsamen, Schwachen und Fremden? Ja, wenn auch uns heute der Heiland geboren wird, dann können wir zur Krippe für Christus werden, der uns im Bedürftigen begegnet.

Werner Philipp

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