ANDACHT
Tauet, ihr Himmel
Ich schaue gerade zum Fenster hinaus: Ein grauer, wolkenverhangener Tag. Dicke Regentropfen mischen sich mit den ersten Schneeflocken und fallen wie Bindfäden zur Erde. Die Landschaft ist in sanftes Weiß getaucht. Bäume und Erde triefen vor Nässe und Schnee.
Während mein Blick den Vorhang von Tropfen und Flocken zu durchdringen versucht, fällt mir ein Bibelwort ein:
Tauet, ihr Himmel, von oben, und ihr Wolken regnet Gerechtigkeit! Die Erde tue sich auf und bringe Heil, und Gerechtigkeit wachse mit auf! Ich, der HERR, habe es geschaffen. (Jes.45,8)
Es ist das Adventslied eines Propheten im babylonischen Exil. Die verbannten Israeliten hatten nur noch den verschlossenen, grauen Himmel im Blick und wähnten sich von Gott verlassen. Alle Erwartungen und Hoffnungen auf Gottes befreiendes Eingreifen waren erstorben. Der Prophet hingegen kündet den Resignierten und Traurigen den Advent, d.h. die Ankunft Gottes. Er erwartet einen ungewöhnlichen Platzregen, der alles neu macht und belebt. Heil und Gerechtigkeit werden neu aufsprossen. - Es dauerte nicht lange, und das Volk Israel konnte in die Heimat heimkehren und neu beginnen.
Die frühe Kirche hat diese alte Adventsverheißung auf Jesus Christus hin gelesen und in seiner Ankunft erfüllt gefunden. Am ersten Adventsonntag erklingt in manchen Kirchen noch heute der lateinischen Wechselgesang: "Rorate, coeli, desuper, et nubes pluant justum - Tauet, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, regnet den Gerechten"; und die eindrucksvolle Antwort lautet: "Aperiatur terra, et germinet Salvatorum - Es öffne sich die Erde und sprosse den Heiland hervor." Mit Jesus kam tatsächlich der erhoffte Helfer und Retter zu uns Menschen und brachte uns das Heil. Die sehnsüchtige und flehende Melodie des Wechselgesangs macht aber auch deutlich: Die Christenheit betet noch immer - um die Wiederkunft ihres Herrn, damit er das Antlitz der ganzen Erde erneuere und sein Friedensreich aufrichte. Wir leben in der Erwartung des letzten Advents, der noch bevorsteht.
Mögen die kommenden Tage und Wochen unsere Sehnsucht nach dem offenen Himmel stärken und die Hoffnung auf den wiederkommenden Herrn mehren. Wer das alles für Schnee von gestern hält, sollte wissen: Der Schnee von gestern ist das Wasser für morgen!
Werner Philipp





